Manuel Beck

(Foto: privat)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schöpfung

Schöpfung
Bild: Dr. Petr Simak

Nichts und niemand über All.
Ohne Luft und Laut kein Schall.
Weite gleitet leer und kalt
durch die Zeit – unendlich alt.
Dann erwacht die Urgewalt.

Brodeln, Zischen, dumpfes Grollen,
halbe mischen sich mit vollen
Tönen, die durchs Dunkel dröhnen,
Klängen, die ins Dasein drängen,
sich mit Raum und Zeit vermengen,
flutend aufeinanderprallen,
bald zu kruden Körpern ballen,
deren Blut beginnt zu wallen,
bis im All die Schreie hallen.

Infernalisch war das Toben,
blindes Wüten wilder Wogen.
Gleißend glühten Feuerbälle,
Phosphorblüten, Hitzewälle,
die zu Türmen sich erhoben,
krachend auseinanderstoben
und in Stürmen roter Lohen
der Unendlichkeit entflohen.

Als die Nacht in Flammen stand,
das Leben keine Wege fand,
wo Lavatrassen sich ergossen,
wabernd Magmamassen flossen,
formte sich von Jahr zu Jahr
im Todessud ein Lippenpaar.

Lippen, die vor Glut pulsierten,
voller Durst nach Leben gierten,
bald mit Feuerzungen leckten,
die die Lust am Lodern schmeckten,
bis zum Grund des Schlundes schwärten,
sich aus dunklen Lungen nährten,
deren Atem Asche spie
und jenem Wort Gestalt verlieh,
das allem einen Namen gab,
bevor es ungehört erstarb.

 

 

Trennlinie

Trennlinie
Bild: Dr. Petr Simak

Er.
Ende November.
Klammes Geländer umklammert von kalten Händen.
Aufgepfropfte Ausläufer von Intensität
auf Strukturen von Gleichgültigkeit.
Vergebliche Suche nach Symbiose.

Unter ihm der starre Strom gestauchter Erinnerungen.
Unentrinnbar in seiner Teilnahmslosigkeit.
Über ihm das Kreisen der Krähen.
Dazwischen Krächzen.

Klamme Augen ohne Ankerpunkt.
Unstetes Abtasten der Bergkuppe.
Entschiedene Schwärze vor den unschlüssigen
Schattierungen des Asphaltfirmaments.

Die Trennlinie an ihrem Scheitelpunkt
ein Scherenschnitt von Fichtenspitzen.
Ausschläge eines EKGs.
Schwach und unregelmäßig in der Stunde,
bevor die Nacht sich seiner bemächtigt.
Der Strom ihn der Nulllinie entgegentreibt.

Am Fuß der Kuppe Kammerflimmern.
Dann nur noch Schwärze.
Eingeebnet die einstige Intensität.
Ein letztes Krächzen der Erinnerungen,
ehe er die Linie überschreitet
und sich dem Strom anvertraut.

 

 

Schlaf

Schlaf
Bild: Dr. Petr Simak

Atemlos regiert die Zeit,
die Menschen stets zur Eile treibt.
Sie frisst sich fett an ihrem Eifer,
geilt sich auf an Gier und Geifer,
bis sie prall vor Lust pulsiert,
ihr feister Leib schier explodiert
und sie geschwind ein Kind gebiert.

Ein Mädchen, ganz aus Fleisch und Blut,
das gleich der Mutter niemals ruht,
bald lauthals schreit voll Tatendrang –
Essenz der Zeit, der es entsprang.

Es tobt und wütet um die Welt,
die es fortan in Atem hält,
ihr Inneres nach außen kehrt,
ein Feuer, das sich selbst verzehrt.

Mit einer Geste seiner Hand
entfacht es einen Flächenbrand,
beschleunigt selbst der Erde Lauf
und zwingt ihr seinen Rhythmus auf.

Konstantes Beben und Vibrieren –
schneller, schneller ohne Rast –
soll alles Leben dominieren,
da es sich sonst selbst verpasst!

Doch dann beginnt der siebte Tag,
der zeigt, was sich bislang verbarg –
ein Ort, der all das Chaos flieht
und sich dem Geist der Zeit entzieht,

wodurch zum ersten Mal geschieht,
dass sich das Kind im Spiegel sieht.

In einem See, der nie erwacht,
geräuschlos träumt bei Tag und Nacht,
nur atmet, atmet unentwegt,
wobei er sich doch niemals regt.

Als sich das Mädchen selbst erblickt,
verstummt die Uhr, die in ihm tickt,
versiegt der Strom, erlischt die Glut,
entschläft zuletzt auch seine Wut.

Dann wagt es zaghaft einen Schritt,
mit dem es schließlich übertritt
in ein entrücktes Element,
das weder Gier noch Eifer kennt,
sodass das Kind darin vergisst,
was war, was sein wird und was ist.
͠
Reglos liegt der See, umgibt sie.
Stille schmiegt sich zärtlich an sie,
legt sich um sie und umhüllt sie,
schenkt ihr Atem.
Kühl behütet schwebt sie,
wiegt sich wie ein Haar im Wind.
Wieg᾽ dich in den Schlaf, mein Kind.

 

 

Des Vogels Tod

Des Vogels Tod
Bild: Dr. Petr Simak



Als Jüngling erschien mir ein Vogel bei Nacht
und hatte die kostbarste Gabe gebracht.
So war ich zum ersten Mal liebend erwacht.

Doch muss nicht die Liebe in Leere entarten,
beginnt sie auf Antwort vergeblich zu warten?
Schon bald war der Tagtraum zum Albdruck geraten.

Zum boshaften Krächzen des Vogels Gesang,
der anfangs so sinnesberauschend erklang,
doch nie an das Ohr meiner Königin drang.

Es hat mich ein qualvolles Jahr lang begleitet,
ein Dasein voll Trostlosigkeit mir bereitet
und flatternde Schatten darüber gebreitet.

Erst flog ich, dann fiel ich und zollte Tribut,
wie stets es ein in sich Gefangener tut.
Doch schließlich erlischt auch die heißeste Glut.

Zuletzt war die Rechnung des Vogels beglichen
und all seine Farben der Falschheit verblichen,
mein Herz seinen tückischen Fängen entwichen.

Worauf ich es vor seinem Zugriff verschloss,
seitdem keine einzige Träne vergoss
und lange die Lust an der Freiheit genoss.

Die Macht, nicht mehr länger verwundbar zu sein.
So ging ich Affären voll Leidenschaft ein
und blieb doch in jeder Umarmung allein.

Denn wünschte ein Mädchen mich an sich zu binden,
das mir seine zärtlichste Zuneigung bot,
dann suchte die Liebe ich wieder zu finden.
Sie kehrt nicht zurück, denn mein Vogel ist tot.

 

 

Lavendelträume

Strukturlosigkeit wälzt sich über Wolken wie Zeitlupen-Vögel. Entwurzelt allem Irdischen.
Die Frage nach dem Oben und Unten, dem Innen und Außen verschwimmt. Grundsätzlichkeiten bleiben am Grund zurück. Werden vergessen.
In Ewigkeit.

Zeitloses Meer als Element der Vögel.
Ihnen zu gleichen wandle ich mich.
Lasse Strukturen hinter, unter mir.
Entstrukturiert, aller Kraft beraubt, doch hungrig nach Schwäche, Verlorenheit, Entgrenzung.
Nach Abkopplung und Ausgliederung.
Enteinheitlichung.
Nach Unentschlossenheit,
der Freiheit zur Unentschiedenheit.

Lavendelträume.

Lavendelträume
Bild: Dr. Petr Simak


Publikationen

Am Traumende

ManuelBeck_CoverTraumende_Ansicht

Im März 2017 erschien Manuel Becks zweiter Lyrikband „Am Traumende“ im Selbstverlag. Neben Gedichten enthält er ein Kapitel mit Traumworten – Worte, die der Autor geträumt hat. Bestellt werden kann der Lyrikband für 11 Euro (inkl. Porto & Versand) per Mail  (Novemberlyrik(a)web.de) unter Angabe der Lieferadresse.

Debüt: Am Ende November

Cover

Manuel Beck wurde 1979 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Er absolvierte das Studium zum Dipl. Verwaltungswirt und arbeitet als Abteilungsleiter in einem Jobcenter. In seinen Texten beschäftigt er sich vornehmlich mit dem Zwischenmenschlichen. Am Ende November ist Manuel Becks erster Lyrikband. Einige der darin publizierten Gedichte wurden bereits davor in diversen Anthologien veröffentlicht. Bestellt werden kann der Lyrikband für 11 Euro (inkl. Porto & Versand) direkt beim Autor per Mail  (Novemberlyrik(a)web.de) unter Angabe der Lieferadresse.


Presseartikel vom 19. März 2016 (Die Rheinpfalz – Ludwigshafener Ausgabe:
Rhpf-Artikel Manuel