Meditation am See

Nach dem Ausflug zum Schwansee haben Elena Kisel und Miriam Tag gemeinsam den Zyklus „Meditation am See“ geschrieben. Ihre Stimmen vermischen sich in jedem Gedicht und bilden ein dialogisches Geflecht.

meditation am see (1)

am anfang war nichts. am anfang war die zeit.
beides.
ein see wirkt wie ein magnet.
er zieht die an, die im nichts und in der vollen zeit sind.
häh?!
danach war der raum. ein magnet braucht raum.
nein, der see braucht raum.
im raum waren vier personen. wir waren zu viert.
ohne personen. standen vier personen ohne personen.
vier standen im raum. ein mensch. vier wurden
zu einem. ein mensch stand am see.
angezogen vom magnet des sees… der see war
breit und lang, und seine größe zog den
menschen an und legte den wunsch in ihn,
sich zu verbreiten.
in diesem moment dachte ich an die stille.
doch ausgesprochene stille ist keine stille…
wie habe ich sie gespürt? ich spüre die
stille als raum… wenn es stille gibt, gibt es
viel freien platz. wenn es nicht still ist,
gibt es viel bewegung. stille ist abwesenheit
der bewegung. stille ist eine säule aus luft
die den bewegungen des ein- und aus-
atmens im raum oszilliert und ihn durchleuchtet.
stille ist licht. stille ist kein licht.

meditation am see (2)

ich vergesse, ich vergesse, ich vergesse…
was soll ich vergessen?
vergesse ich den see? vergesse ich den schnee?
was wollte ich vergessen?
umgekehrt – wir wollen uns an etwas erinnern,
wir wollten etwas im gedächtnis behalten…
was war es, an das wir uns erinnern wollten?
wir, dieser eine mensch am see…
moment mal… äh… was spürst du?
ich spüre, dass der moment, dass das schreiben an mir
vorbeizog… dass mein schreiben an mir vorbeizog.
wir schreiben zusammen, … doch das schreiben
zieht vorbei, entzieht sich, geht vorbei.. und es
schreibt… der text schreibt & schreibt & schreibt.
sag etwas… wirf etwas ein… stoppe ihn… stopp!

 meditation am see (3)

zurück zum ufer. zurück zum see. zurück zu
ludwig dem zweiten. nein, zum see…
wir waren in der stille stehengeblieben.
schirina tischiny – weite der stille…
schneestille. schnee und stille. raum ohne bewegung.
aber raum der relationen. ohne bewegung.
stille ist abwesenheit der bewegung.
aber in der abwesenheit der bewegung ist die
bewegung. ich begleite die keinbewegung
mit meinem tastsinn. die begleitung selbst
ist mein tastsinn, bin ich.
aber ihr habt lichter gesehen. und ja, die
relationen zwischen keinlaut und licht ist interessant.
wir sind zu zweit. ein mensch. zu zweit… zu zweit
ist ein. ein mensch ist zu zweit.
oder begleite ich das licht? denn ich sah kein licht –
also begleitete ich es? oder war ich selbst das licht,
da ich es nicht mehr außer mir sah?
ich war der raum. ich manifestierte mich als raum
im aufnehmen des lichts…
wir sind beim licht… noch sind wir beim nichtlicht…
doch, wir sind beim licht.