Anne Schelzig

Eule und Frosch
(Erzählung, work in progress)

„Aber morgen machst du dann alle Hausaufgaben“, rief meine Mutter aus der Küche. „Für die komplette Woche. Nicht nur die für Montag.“
„Ja, versprochen. Ich lerne ja heute auch schon ein bisschen Mathe bei Marion“, antwortete ich, um meinen guten Willen zu zeigen, während ich meine gerade erst gestern bei C und A geklauten Boxershorts aus der unteren Schublade meines Kleiderschranks hervorholte und sie in die Seitentasche meiner Sporttasche stopfte. Ich hätte lieber nackt in einem Jutesack geschlafen als in einem der grellbunt gemusterten Schlafanzüge, die meine Mutter mir gekauft hatte. Obenrum würde ich einfach mein Prodigy-T-Shirt anlassen, das ich offiziell einer Klassenkameradin abgekauft hatte, weil es ihr nicht passte.
„Mathe bei Marion“, rief meine Mutter aus der Küche. „Denkst du, ich bin blöd? Und jetzt isst du noch was.“ Sie schob mir einen Suppenteller hin.
„Aber ich esse doch schon bei Marion.“ Es war halb sechs, und um sechs wollte ich bei ihr sein. Meine Mutter hatte die Gabe, mich kurz vor Schluss in irgendwelche Gespräche zu verwickeln, die mich so aggressiv machten, dass ich irgendwann ausrastete und zur Strafe dann doch zu Hause bleiben musste.
„Fräulein! Dein Ton.“
Sie schaffte es natürlich auch, ohne einen vollständigen Satz zu sprechen.
„Ja, ich komme.“ Ich unterdrückte ein Seufzen und gab mein Bestes, auch alle anderen Emotionen aus meiner Stimme zu verbannen.
„Du brauchst jetzt auch nicht schon wieder so desinteressiert zu tun“, kam es aus der Küche. „Es wird ja wohl nicht zuviel verlangt sein, ein Mal mit seiner Mutter zu Abend zu essen, bevor man sich das ganze Wochenende aus dem Staub macht.“
Das ganze Wochenende. Als ob. Und schon wieder die Leier von der undankbaren Tochter, die ihre alte und kranke Mutter im Stich lässt. Meine Mutter war zweiunddreißig.
Nein, wir waren ganz offensichtlich nicht wie die verfickten Gilmore Girls. Dazu fehlten uns vor allem die reichen Verwandten, die immer auftauchten, bevor es richtig unangenehm wurde. Auch wenn meine Mutter sich natürlich Mühe gab, das Beste aus allem zu machen. Sie hatte die Küche ganz allein gestrichen und die Wände ringsum mit Blumenranken bemalt. Ich fand zwar, das Muster hätte besser ins Wohnzimmer gepasst, aber schön sah es aus, das musste man ihr lassen.
Kochen konnte sie auch. Allerdings war es noch viel zu früh zum Abendessen. Das schien auch meine Mutter zu bemerken, denn sie schaltete das Licht an, als könne sie damit darüber hinwegtäuschen, dass draußen noch Tag war.
Ich nahm mir extra zwei Kellen Kürbissuppe statt einer, in der Hoffnung, die Stimmung wieder etwas zu heben.
„Man geht nicht hungrig zu fremden Leuten“, sagte meine Mutter und tat noch eine Kelle obendrauf.
„Marion und ich kennen uns schon seit dem Kindergarten.“
„Du weißt genau, was ich meine. Nimm dir bitte eine Scheibe Brot. Wieso muss ich dir das jedes Mal sagen?“
„Wieso musst du jedes Mal so einen Stress machen, wenn ich weg will? Meinst du, ich merke nicht, dass das mit dem zu Hause essen nur ein Vorwand ist? Gib doch wenigstens zu, dass du nicht willst, dass ich was mit anderen Leuten mache.“
Ich wusste, sie konnte nichts dafür, aber das machte die Situation nicht gerade einfacher.
„Ich will nicht, dass du ständig mit dieser Marion rumhängst. In deiner Klasse gibt es doch noch genug vernünftige Mädchen, mit denen du dich treffen kannst.“
„Die haben keine Zeit. Die haben alle einen Freund.“
„Und wieso hast du keinen?“
„Na, weil ich so viel mit Marion rumhänge.“ Ich grinste leicht, in der Hoffnung, dass sie darauf anspringen würde. Fehlanzeige.
„Ein Grund mehr, sich endlich mal mit normalen Menschen abzugeben anstatt mit dieser Assibraut.“
Ich wollte meine Mutter eigentlich anschnauzen, was ihr einfiel, meine beste Freundin als asozial zu bezeichnen, aber ich hatte dieses Bild von Marion im Babydollkleid mit Lederjacke auf einem Motorrad vor meinem inneren Auge und konnte nur beseelt vor mich hinlächeln.
„Siehst du! Ständig dieses grenzdebile Gegriene von dir. Irgendwann fängst du wieder an, Selbstgespräche zu führen. Ich sag dir, warum sich niemand sonst mit dir abgeben will. Weil du vollkommen gestört bist, darum.“ Ich atmete ein. Eiskalte Luft breitete sich in meinem Kopf aus. Meine Gedanken wurden glasklar.
„Ach, das sagt ja die richtige.“ Meine Stimme war leise, aber bestimmt. „Wer sitzt denn bitte nachmittags Ende April im Wollpullover in der abgedunkelten Küche und isst Kürbissuppe?“
Meine Mutter atmete ein und hielt die Luft an. Ihr Blick flackerte nach links und rechts. Wie ein kleines Kind, was überlegt, ob es sich lohnt, loszuheulen oder nicht.
„Was soll das? Warum musst du mich immer so anschreien?“ Sie atmete aus. Tränen schossen ihr in die Augen. „Ich stelle mich extra hin und koche, damit du wenigstens ein Mal an diesem Wochenende etwas Richtiges zu Essen bekommst, und alles, was dir dazu einfällt, sind irgendwelche überheblichen Kommtentare. Wie wäre es mal mit, danke, Mama, dass du dich jede Woche stundenlang in die Küche stellst und für mich kochst?“
„Wer hat dich denn darum gebeten?“ Mehr Kälte strömte in meinen Kopf. „Und was kann ich dafür, dass das Stunden dauert?“
Meine Mutter heulte jetzt richtig. Mir doch egal. Ich lehnte mich zurück. Aber meine Hände wollten sich nicht von der Sitzfläche des Stuhls lösen.
„Du weißt ganz genau, woran das liegt.“ Meine Mutter pulte ein gefühlt zwanzig mal benutztes Papiertaschentuch aus dem Bund ihrer Jogginghose und schnaubte. Ich erwartete jeden Moment, dass das Taschentuch riss und sie mir ihren Schnodder ins Gesicht blies.
Aber sie senkte ihren Kopf und weinte lautlos. Ich sah ihre dünnen Schultern in dem viel zu weiten grauen Wollpullover. Die angenehme kühle Leere war aus meinem Kopf verschwunden. Alles war wieder verstopft und verklebt und ballte sich hinter meiner Stirn zusammen. Meine Ohren fielen zu.
„Es tut mir doch auch leid. Ich weiß doch, dass du nichts dafür kannst.“ Ich hätte auch gern geheult, aber ich wusste, meine Mutter würde das so interpretieren, dass ich nur heulte, um von ihr abzulenken und die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Sie sagte immer, ich hätte ja gar keinen Grund zu heulen. Ich wusste, dass das so nicht stimmte. Marions Mutter sagte immer, deine Mutter ist nicht die einzige in der Familie mit einer scheiß Kindheit. Und meistens fand ich, dass sie recht hatte, vor allem, wenn ich gerade bei Marion war. Aber jetzt merkte ich gerade wieder, dass sich das doch nicht vergleichen ließ. Ich kam mir schäbig vor, dass ich das Leben meiner Mutter noch schwerer gemacht hatte als es eh schon war. Was wäre denn so schwer dran, einfach so zu tun, als hätte man gerade wahnsinnig Bock auf Kürbissuppe, und einfach ab und zu mal danke zu sagen, auch wenn man fand, dass das jetzt eigentlich nicht nötig war?
„Für was kann ich nichts?“ Sie legte ihren Löffel an den Tellerrand. Ihre angebissene Scheibe Brot hielt sie über dem Teller. Genau in der richtigen Position, um sie später mit einem dramatischen Schwung aus dem Handgelenk mitten in die Suppe fallen zu lassen.
„Ach Mann!“ Meine Stimme klang irgendwie viel weinerlicher, als ich mich eigentlich fühlte. „Was soll das denn jetzt schon wieder?“
„Was denn?“ Meine Mutter drehte die Brotscheibe zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Das!“ Ich schmiss meinen Löffel in die Suppe und fing an zu heulen. „Du kannst doch nicht verlangen, dass alle Rücksicht auf dich nehmen, aber dann nicht zugeben wollen, dass du krank bist.“
„Ich bin nicht krank! Ich muss mich nur andauernd aufregen. Wenn du mir nicht ständig alles versauen und kaputtmachen würdest, wäre alles in Ordnung.“
„Aber das mache ich doch gar nicht.“
„Ach nein? Dann dreh dich mal nach rechts.“
Als ich nicht schnell genug reagierte, griff sie über den Tisch, fasste in meine Haare und stieß meinen Kopf gegen die Wand. Es tat nicht richtig weh. Sie war schließlich nur eine Frau. Trotzdem nervte es, so angefasst zu werden. Aber ich schaffte es nie, mich mal richtig zu wehren. Frauen schlug man doch nicht. Ich fragte mich, ob ich solche Probleme auch gehabt hätte, wenn ich ein Junge gewesen wäre.
„Äh hallo? Wie soll ich denn bitte gucken, wenn du meinen Kopf festhältst?“
Sie drückte nochmal kurz fester zu, dann ließ sie los.
Als ich meinen Kopf wieder bewegen konnte, sah ich, dass auch die rosa, lila, grünen Blumenranken orange Spritzer abbekommen hatten. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben. Mir schossen die Tränen in die Augen.
Aber warum sollte ich mich schon wieder scheiße fühlen?
„Was kann ich dafür, dass du dich ausgerechnet in der Küche so verkünsteln musst? Wieso nicht im Wohnzimmer, wo sowas überhaupt nicht passieren kann?“
„Wenn man sich nicht aufführt wie eine Bekloppte, kann sowas auch in der Küche nicht passieren. Und was ich in meiner Wohnung mache, hat dich einen Scheiß zu interessieren. Geh in dein Zimmer.“
„Fick dich. Ich geh hin, wo ich will.“
„Nicht, solange du noch nicht volljährig bist.“
„Ok. Dann ruf doch die Polizei.“ Mit dem Daumen verschmierte ich die Spritzer an der Wand. Meine Mutter sprang auf.