Olga Kovalenko

Olga Kovalenko (Foto: Roberto Antiaco)

 

Erinnerung

Ich.
Nicht.
Irgendwann.
Und Dann?

Ich sammle die Gefühle wie die Tropfen in meinen Händen:
Gestrickte schwarze lilafarbene Handschuhe verbergen die Wärme der leicht trockenen kühlen Haut.
Lippenfeuchtigkeit auf den schämenden Wangen.
Die schnellende Zunge der Wirklichkeit fördert den wechselnden Wind der Gedanken.
Suchende Finger ankern auf der Brust und tasten unsicher die Wahrnehmung.
Flüsternd ruft die Vernunft nach der Enthemmung und klebt den gepolsterten Rücken gegen die gefrorene Wand.
Verlorene Hand
spielt mit dem schwarzen Haar.
Das perfekte Paar
für den Tanz
in der Nacht aus Glanz
der Zufälligkeit.

Du.
Und dann.
Irgendwann.
Ein Blick.

Wimpernschlag schneidet die Luft in die winzigen schneeweißen Perlen:
Giftig grüne Jacke ummantelt die Taille; presst den zierlichen Körper an sich.
Ein bisschen Weisheit an den Schläfen zieht leidenschaftlich den Sinn an; verlockend streichelt die Sicht aus dem Gefängnis der Pupillen.
Unbiegsamer Wille beugt sich, kniet nieder, küsst die feuchte Würde des Verloren Seins und wird mit ihr eins

Wir.
Und dann.
Irgendwann.
Erkannt.

Die Erinnerung klebt:
an der frischen Haut der langen Finger,
an dem süßbrennenden feuer-sauren schüchtern-frechen Zunge,
an den müden Schläfen und leicht behaarten Wangen,
an der Dunkelheit des Zufalls und der rauschenden Strömung der Gedanken.
Sie klebt fest an deinem Gürtel und meinem Briefkasten; eingraviert in der Kante meines Schlüssels.
Die Staubkörner „jetzt bitte geh“ liegen verstreut im Foyer.
Die gebissenen Lippen und das leichte Grinsen hängen an der Türklinge.
Das Zwinkern des Versprechens berührt die Stirn und entkommt dem Sinn
Der mühsam abwaschbare Stempel der Realität:
Es verbrennt alle Winterbäume und Schneeflecken,
Fußabdrücke und flüsternde Gespräche
bis zum letzten Knirschen

Und dann?
Irgendwann.
Ein Spiegelbild:

Du

Ich

Zerbrechlich und offen

gegenüber—-

die Erinnerung.


Ich brauche…

Ich brauche manchmal nur mich
und das Sonderlicht
des Erwachens,
dass im finsteren Dunkel bricht,
der singende Klang jemandes Lachen…
Ich brauche manchmal nichts
mehr als einen Augenblick zu haben,
in dem ich mich als Lehrer betrachten
kann, wie eine fremde Welt ohne sichtbare Grenzen;
einen seltsamen Weg mit den tausend möglichen Windungen
zeigend in die verschiedensten Richtungen
und allen möglichen Wenden;
eine unfertige rauhe Gestalt ohne Anhalt,die man zum Vollenden
bringen will;
und vielleicht noch, dass es still
ist
dass man endlich vergisst,
diesen Lärm der Verpflichtung.
Und ich brauche noch meine Dichtung,
die wie ein dünner Faden in jegliche Richtung
mich in die Ferne zieht und mich an die Freiheit bindet.
Die Muse, die alles lindert,
eines jeden einzelnen Schmerz,
und erschöpft dieses Netz
von strömenden Gedanken,
die in mir so fest verankern,
die wie eine Magie erstehen,
und im Chaos der Welt vergehen,
ohne eine Antwort zu finden,
wie die Vögel in jungen Linden,
in den fallenden Blättern der Wind;
dass man sich einfach die Zeit nimmt,
zum Betrachten,
zum Spüren,
zum Fühlen
für das Achten
auf die eigenen Gefühle
zum Erachten des Lebens,
das sich eben in jedem Begreifen
und Reifen
der einfachen Dingen versteckt,
im Antlitz der Einfachheit selbst…
— Aber es war erst
fünf Uhr
noch eine ganze Stunde
der Arbeit am langweiligen Tisch.
Das Papier lag durcheinander vermischt
und ich könnte nichts Nützliches finden
Kaffe könnte die Schlafsucht nicht lindern
nur die Zunge verbrennen.
Ich hörte das laute Reden
auf der Straße.
Ich hätte den Raum so gerne verlassen,
aber es war erst fünf Uhr
eine Enttäuschung pur…
Ich brauche manchmal nur mich…

Dezember 2014


Manchmal

Manchmal ist es nicht genug, einfach zu Sein
Manchmal ist das Herz im Schrei
nach Tat
und Verdacht
ist nicht mehr ein Geräusch
sondern ein Klang,
der unser Gehör erschüttert und Herz enttäuscht.
Manchmal ist es wenig zu sagen „Verzeih!“
Manchmal ist das Schweigen ein einziger Laut
und vertraut
erscheint manchmal uns Ungewisses.
Das einzige Wissen
hinter Kulissen des Lebensteathers
verborgen
versteckt
in unserem Inneren stehend bleibt…
Und jede Sekunde manchmal erscheint
wie Ewigkeit,
wenn wir, wie Kinder
unwissend
unsicher
in uns selbst und nicht erkennend eigenes Feuer
zwischen zwei verschiedenen Welten
der einen der Vernunft
und der anderen des Herzens
hin und her laufen…

Manchmal sind die Tränen der Traurigkeit
erstes Zeichen des Erleichterns.
Und manchmal bleibt der einzige Trost in uns –
das Verzeihen.
Und die Kunst
des Vergessens ist manchmal der einzige Ausweg
um uns selbst zu erkennen
und wiederzufinden,
in dieser so bunten und so hellen,
aber tief im Schatten der Eifersucht
verborgenen Welt.
Manchmal…