Michael Brysch

Tanz-Zeit

 

Eng umschlungen drehen wir uns durch den Raum, diesen endlos weiten, der manches Mal doch so begrenzt erscheint. Eng hält sie, meine Terpsichore, mich an sich gepresst, während sie mich führt, stets den Schritt, stets den Takt vorgibt. Immerfort dreht sie sich, dreht sich mit mir, dreht sich weiter. Kaum ein Standardtanz, kaum ein lateinamerikanischer, der von uns bislang ausgelassen worden wäre. Von der Pavane bis zur Polka, vom Hula bis zum Hip-Hop: Wenig fällt mir ein, an dem wir uns nicht schon versucht hätten. Wenig, an dem sie mich nicht schon versucht hätte. So gleiten wir zu nie gleichbleibender, in ihrer Flatterhaftigkeit stets aufwühlender Choreographie dahin über die Dielen dieses ach so bizarren Theaters.

Niemals, seit ich denken kann – und noch viel länger –, hat sie mich los-, hat sie mich fallengelassen. Niemals auch, solange ich zu denken in der Lage sein werde – das weiß ich jetzt schon! –, wird sie mich los-, wird sie mich fallenlassen. Von jeher war sie bei mir, ist es noch und wird es immer sein. Gleich, ob ich stehe oder liege, ob ich wache oder schlafe, gleich, ob ich Massen um mich sammle oder alleine bin, ob ich Saus und Braus auskoste oder vor mich dahinvegetiere, immer tanzt sie mit mir. Selbst dann, wenn ich nicht an sie denke, wenn ich sie zu vergessen haben scheine, ist sie da in ihrer konsequent-erbarmungslosen Treue. Selbst in solchen Momenten folgen meine Füße, folgt mein ganzer Körper dem, was sie mich zu folgen heißt. Eng sind wir aneinander geschlungen, eng miteinander verschlungen. Sie ist – in fortwährendem, heißkaltem Koitus mit mir vereint – meine erste Geliebte, und sie wird auch meine letzte Geliebte sein. Meine unsterbliche, meine ewige Geliebte.

Manch andere hat ihr diesen Status schon streitig zu machen versucht. Für manch andere hätte auch ich sie gerne verlassen, liebend gerne sogar. Doch sie war immer da. Sie hat mich mit einer anderen niemals alleine, niemals ganz uns selbst gegeben [1] sein lassen. Auch wenn eine andere da war, hat sie mich, dann in gleichgültiger Dreisamkeit, mit sich weitergedreht. Bis die andere letztlich nicht Schritt mit uns halten konnte und aus dem Reigen ausgeschlossen wurde. Doch obschon dergestalt verschmäht von unser beider unauflöslicher Synthese, ward sie, die andere, nie von ihr allein verstoßen, vielmehr – gleichsam mir, doch ohne mich – weitergetanzt von ihr, von meiner ewigen Geliebten als der immer auch ihren. Von unserer ewigen Geliebten, die, wie sie mit unseren temporären Geliebten tanzt, während sie mit uns tanzt, auch mit anderen tanzt. Die – als eine und viele – mit allen tanzt in diesem, ihrem individuellen, und doch weltumfassenden Swingerclub. Manchmal tanzt sie simultan in schleppender Rumba und hochfrequent-stampfendem House nebeneinander: Sie dabei mit nur einem Partner aus den Vielen, als Taktgeberin jedoch gleichermaßen vielfach mit allen. Manchmal tanzt sie dann auch ineinander verwoben, sie mit Vielen gemeinsam. Einer davon vielleicht auch ich. Gelegentlich frage ich mich, wie ihr das gelingt, frage ich mich, wie sie zu solch dionysischer Omnigamie in der Lage sein kann. Gelegentlich auch frage ich mich nicht nur nach dem „Wie“, sondern desgleichen nach dem „Warum“. Warum dies alles? Eine Antwort kann ich mir nicht geben. Dass sie mir eine gibt, erwarte ich gar nicht erst.

Also drehen wir uns weiter. Eins. Zwei. Drei. Erste Pause. Fünf. Sechs. Sieben. Erneute Pause. Noch einmal dasselbe. Kaum indes habe ich mich an die Schrittfolge gewöhnt, die sie mir zu den feurigen Salsa-Rhythmen abverlangt, sind diese wieder verklungen. Schon ist der ungezügelte Vier-Viertel- einem schwermütigen Drei-Viertel-Takt gewichen. Doch auch dieser Valse triste wird bald schon vorüber sein. Was folgt, was die Musiker als nächstes zum Besten geben werden, bleibt mir bis zu dem Moment, da es folgt, verborgen. Ob es ihr jetzt schon bekannt ist? Ich weiß es nicht. Die immerwährenden sieben Schleier der Unkenntlichkeit schmiegen sich dort, wo vor wenigen Augenblicken noch die leuchtende Reizwäsche einer strippenden Salome verführerische Haut verbarg, an schwarzes Trauerkleid. So weiß ich auch nicht, ob sie, die Schrittmacherin, das, was folgt, überhaupt interessiert. Ob sie vielleicht gar diejenige ist, die das, was folgt, bestimmt? Die Pina Bausch meines ureigensten Tanztheaters!? Ob sie, die in ihrer unentwegten Modulation immer gleich Bleibende, mich nicht nur fest umschlungen rotieren lässt, während ich mich wandle – erst erblühe, dann verwelke –, sondern ob gar sie es ist, die diesen, meinen Wandel gleichsam selbst choreographiert!? Oder ist sie nur die Erfüllungsgehilfin eines höheren anderen?

Ich wische mir mit der Hand über die schweißnasse Stirn. Beim Walzer sind wir geblieben, doch wirbeln wir nun mit erhöhter Drehzahl Wienerisch übers Parkett: Sechzig Takte in der Minute fordert sie mir ab. Ich bin außer Atem. Doch sie zeigt sich unerbittlich, lässt mir keine Pause. Wie lange wohl noch? Wann wird er wohl vorüber sein, nicht nur dieser Walzer, sondern dieser Tanz? Wohin wird sie mich am Ende führen? Vielleicht nach Paris, zu einem letzten Tango mit ihr und einer anderen, namenlosen Geliebten, die mir mit verzweifelter Kugel schließlich das Herz zerfetzt? Oder tanzt sie mir – irgendwo im nirgendwo – eine Geschwulst in den Darm, deren Metastasten – gleich uns hier draußen – drinnen in mir zirkulieren und mich langsam zersetzen? Vielleicht auch tanzt sie mir stattdessen eine Vielzahl mißgefalteter Beta-Amyloid-Peptide ins Gehirn, die – aus lächerlichen vier Basen abgeleitet – mich sie noch im Tanze endlich vergessen lassen? Ebenso, wie sie mich den finalen Befreiungsschlag vergessen lassen, bevor sich der überhaupt ereignet hat? Oder tanzt sie mich – nach noch langem, unbeschwertem Feste auf diesem Parkett – einfach zärtlich wiegend in den Schlaf?

Und was danach? Ohne Frage wird sie immer noch eng umschlungen mit mir tanzen, wenn ich mich – in neuem Ich – als Cyanobakterium an der Photosynthese versuche oder als Blauwal der Plankton-Schlemmerei hingebe. Was aber, wenn ich doch als Braten in Beelzebubs Pfanne schmoren werde oder als Harfen-Engel auf Wolke sieben für die Heilige Dreifaltigkeit aufspielen muss? Wird sie auch dann immer noch meinen Schritt lenken? Und was schließlich, wenn der Weltenwalter tot ist, die Verneiner-Fürsten über ihn obsiegt haben? Wird sie, meine ewige Geliebte, auch noch im ewigen Nichts das Tanzbein mit mir schwingen wollen?

Andere, die mit ihr getanzt haben, kennen die Antworten vielleicht schon jetzt. Andere wie die, deren vor dem Ertrinken konservierte Stimme – gleich einem Zitteraal in diesem universalen Tanz-Meer – unsere Körper jetzt zu repetitiven Zuckungen antreibt:

Oh I wanna dance with somebody”, singt sie,

I wanna feel the heat with somebody.

Yeah I wanna dance with somebody,

With somebody who loves me.[2]

Dies sei nun mein Bekenntnis: Ja, ich will tanzen! Ich will geliebt werden! Und ich will lieben! Tag und Nacht! Bedingungslos und ohne Unterlass! Doch Dich, meine ewige Geliebte, kann ich so nicht lieben. Manchmal zwar liebe ich Dich. Aber ich liebe Dich am meisten, wenn ich hasse! Weil Du es bist, die mir aus meinem Hass hilft! Doch bisweilen wiederum hasse ich Dich! Ich hasse Dich so verdammt, gerade wenn ich liebe! Weil Du es bist, die mir die Erfüllung des Faustschen Wunsches zunichte machst! Weil Du es bist, die dem Augenblick das Verweilen nicht gönnt! Ich hasse Dich dann so verdammt, weil ich keine Phantasiegestalt aus den Romanen eines Michael Ende bin: Ich hasse Dich dann so verdammt, weil ich in meinem Tanz mit Dir nicht zu tun vermag, was ein Meister Hora in seinem Tanz mit Dir zu tun vermochte. Ich hasse Dich dann so verdammt, weil ich in solchen Momenten spüre, wie ohnmächtig ich Dir gegenüber bin! Deshalb, meine ewige Geliebte, kann ich Dich nicht Tag und Nacht lieben. Deshalb, meine ewige Geliebte, kann ich Dich nicht bedingungslos und ohne Unterlass lieben. Deshalb, meine ewige Geliebte, kannst Du in Ewigkeit nur meine gehasste Geliebte sein!

Erneuter Taktwechsel. Dort drüben, gar nicht weit entfernt, sehe ich eine verführerische Brünette, ebenfalls in den Armen der ewigen Geliebten. Wie für uns erklingt auch für die beiden derselbe glutvolle Bolero. Auf den Schlag genau kongruieren ihre Schritte mit unseren. Ich lächele der Brünetten zu. Sie lächelt zurück. Meine ewige Geliebte tanzt mich näher zu ihr, ihre ewige Geliebte tanzt sie näher zu mir. Wir erheben unsere Sektgläser, lassen sie aneinander klirren, tanzen uns dann selbst aneinander. Meine ewige Geliebte verschmilzt mit ihrer zu der Einheit, die sie ohnehin seit jeher waren. Zu dritt geht der Tanz weiter. Vielleicht auch beginnt er gerade erst!?


[1] Richard Wagner: Tristan und Isolde, II. Aufzug. Zitiert nach dem Booklet zur EMI-Einspielung unter Antonio Pappano 2005, S. 185.

[2] Whitney Houston: I wanna dance with somebody. Zitiert nach: http://www.lyricsmode.com/lyrics/w/whitney_ houston/ i_wanna_dance_with_somebody.html [Abruf: 30.09.2012].